Interview mit Regisseur Jann Kessler

Veröffentlicht von Rosi Würtz am

Jann Kessler drehte als Abitur-Abschlussarbeit einen Film über Menschen, die die Diagnose „Multiple Sklerose“ erhalten haben. Im September 2016 startete seine Dokumentation MULTIPLE SCHICKSALE auch in deutschen Kinos.

Eine Hand voll Fragen an Jann Kessler

Frage 1: Welche Bedeutung hat das Thema „Bewegung“ in Ihrem Leben?

Jann Kessler: Bewegung ist Wandel, ist Veränderung, Fortschritt, Weiterkommen. Momentan verbringe ich täglich wohl deutlich mehr Zeit im Zug als im Bett, und das ist ein wunderbares Gefühl, denn selbst wenn man vor Müdigkeit einschläft, kommt man weiter. Bis man irgendwann unbemerkt wieder zurückfährt, wenn man den Endbahnhof tatsächlich verschläft. Es reicht also nicht, sich nur treiben zu lassen, Bewegung geschieht nicht einfach, sie kann und muss gesteuert werden.

Ich selbst bin wohl ein ziemlich rastloser Mensch, weshalb ich häufig nach viel Bewegung strebe, mich ab und zu auch aus dem Staub machen muss, um meinem schon viel zu gewohntem Umfeld zu entfliehen, um bei einer kurzen Wanderung wieder zurück ins Leben zu finden. Vielleicht übertreibe ich es also manchmal etwas mit meinem Hang zur Bewegung, aber es gibt sicherlich keinen besseren Weg, um nicht einzurosten.

Frage 2: Bewegte Bilder, wie sie im Kino zu sehen sind, bewegen viele Menschen rund um den Globus. Welches war Ihr bewegendstes Filmerlebnis bisher?

Jann Kessler: Da gibt es einige, denn nebst meiner Arbeit als Filmemacher bin ich auch Mitarbeiter in einem Kulturkino. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Menschen nach einem Film völlig verändert aus dem Kinosaal kommen, wie ihnen die Reise, auf die sie der Film mitgenommen hat, sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben steht.

In den zahlreichen begleiteten Vorstellungen, die ich mit Multiple Schicksale nun bereits erleben durfte, bewegt mich extrem, wie sich Menschen nach dem Film zutiefst öffnen und über sich und ihre Erfahrungen sprechen können. So habe ich auch erlebt, dass eine Frau nach dem Film zu mir kam, sich bedankte und meinte, sie habe durch die Vorstellung den Mut fassen können, nun endlich ihren Kindern von ihrer Krankheit zu erzählen.

Frage 3: Ihre Mutter, die früher als Ergotherapeutin tätig war, erhielt im Jahr 2000 die Diagnose „Multiple Sklerose“. Wie kam es zu Ihrer Idee über Menschen, die diese Krankheit erleiden, den Film „Multiple Schicksale “ zu drehen?

Jann Kessler: Als Kind erlebte ich, wie Mama sich nie zu ihrer Krankheit äußern konnte. Dadurch war es mir häufig unmöglich, sie und ihre Entscheidungen zu verstehen. Wir alle fühlten uns dadurch alleine gelassen, wohl auch Mama, die uns Kinder sicherlich auch beschützen wollte. Für mich wurde dann das Filmemachen eines von ganz vielen Hobbys, welche mir dabei halfen, nicht zu Hause zu sein und die durch Mamas MS entstandenen Schwierigkeiten zu vergessen.

Erst im Alter von etwa 16 Jahren (2011) realisierte ich, wie wenig ich über sie und ihre Krankheit wusste. Unterdessen war ihre MS bereits so fortgeschritten, dass sie nicht mehr klar sprechen konnte. Also begab ich mich mit 17 auf die Suche nach anderen Menschen mit dieser Krankheit, um ihnen zuzuhören. In der Hoffnung, dadurch auch Mama viel besser verstehen zu können. Anfangs war das Mitnehmen der Kamera nur eine Ausrede, erst später begann ich, wirklich zu filmen.

Frage 4: Welche Rolle schreiben Sie den Therapeuten (Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten) und Pflegern von MS-Patienten zu? Welche Erlebnisse hatten Sie mit Personen dieser Berufsgruppen?

Jann Kessler: Eine extrem wichtige Rolle, denn viele der mir bekannten Vertreter dieser Berufsgruppen versuchen wirklich, den Menschen an sich zu stärken. Ihm die Fähigkeiten mitzugeben, mit der MS so leben zu können, damit ganz viel Lebensqualität erhalten oder sogar verbessert werden kann. Hier erlebe ich Therapeuten als sehr reflektiert und auch bereit, den Patienten wirklich zuzuhören. Aber eine Ergo-, Logo- oder Physiotherapie sollte aus meiner Sicht nicht alleine stehen, sondern eingebettet werden in verschiedene andere Formen der Behandlung, seien diese nun der klassischen Schulmedizin zuzuschreiben oder nicht.

Natürlich kann ich mir nicht anmaßen, hier eine Empfehlung abzugeben – denn ich bin weder Experte dafür, noch kann man bei einer Krankheit wie der MS, die sich bei jedem Betroffenen komplett anders äußern kann, ein allgemein gültiges Patentrezept ausstellen. Es braucht eine individuelle Behandlung eines jeden MS-Patienten, und auch hier wiederum erachte ich sehr viele Therapeuten als sehr fähig.

Frage 5: Welche Filmprojekte stehen als nächstes an? Wird es eine Fortsetzung von „Multiple Schicksale“ geben?

Jann Kessler: Nun, eigentlich möchte ich ja wirklich etwas zurückfahren und mir wieder viel mehr Zeit für meine Freunde, die Familie und fürs Reisen nehmen. Außerdem studiere ich seit rund einem Monat Regie an der écal in Lausanne. Aber nebst einigen kleineren Projekten im Bereich der Fiktion habe ich mit zwei größeren Dokumentarfilmprojekten begonnen, auf die ich mich unglaublich freue.

Herzlichen Dank für dieses Interview!



Rosi Würtz

Soziologin mit den Schwerpunkten Digitalisierung und Gesundheit, derzeit Promotion (Uni Bonn) über betriebliche Gesundheitskommunikation von Krankenhäusern in sozialen Medien, staatlich anerkannte Physiotherapeutin mit einem Faible für Paläontologie und Raumfahrt

3 Kommentare

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